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Nutzlose Jugend



Italien verblüfft wieder einmal mit unerwarteten Entwicklungen am Arbeitsmarkt. Das staatliche Statistikamt ISTAT hat einen Bericht für 2011 vorgelegt und festgestellt, dass die Beschäftigung junger Menschen gesunken ist, während die älterer Menschen zugenommen hat.

Nanu! Was ist los in Italien? ISTAT liefert einen Teil der Antwort: Bei den über 35-Jährigen ist die Beschäftigung gestiegen, weil 170 000 Ausländer neu angeheuert wurden. Die Ausländerquote der Gesamtbeschäftigung erreichte 10 Prozent.

Im mittleren Altersbereich der 35 bis 54-Jährigen wurden 143 000 mehr Leute eingestellt; im oberen Bereich der über 55-Jährigen wurde sogar eine Zunahme um 151 000 verzeichnet. Letztere ist laut ISTAT freilich einem Anstieg des Rentenalters zu danken: da die Krise an den Renten nagt und die Menschen verunsichert, schieben viele Ältere den Abschied in die Rente hinaus.

Auf die beunruhigende Frage, warum mehr Ausländer, aber weniger junge Italiener Arbeit finden, gibt das Statistikamt keine klare Antwort. Man muss sie sich aus Teilstatistiken zusammenpuzzeln, und sie sieht entmutigend aus.

Wie üblich ist die Arbeitslosigkeit von Grundschulabsolventen am höchsten. Etwas niedriger ist die der Arbeitskräfte mit Mittelschulabschluss. Die Kandidaten mit Abitur haben in den ersten Jahren ebenso gute Chancen auf einen Job wie die Universitätsabsolventen. Erst später holen die Akademiker auf und machen ihr Start-Handicap der Studienjahre wett.

Insgesamt aber haben die unter 35-Jährigen schlechte Chancen im Wettbewerb mit Ausländern und Älteren. Die jungen Italiener sind wählerisch, die Ausländer nehmen jeden Job. Die Jungen leben meist noch im Hotel Mamma, die Fremden kämpfen ums Überleben.

Die Abneigung der Wirtschaft gegen die Jungen beruht wohl auf Mängeln ihrer Qualifikation und Leistungsbereitschaft. Die Krise hat auch entschleiert, dass viele Akademiker Orchideenfächer, deren materielle Grundlage weggebrochen ist, oder überbesetzte Fachrichtungen studiert haben.

Die Nachfrage nach Arbeitskräften hat vor allem im Norden zugenommen, während im Süden und auf den Inseln die traditionell hohe Arbeitslosigkeit weiter gestiegen ist. Der Norden braucht vor allem Industrie-Facharbeiter.

Während die steigende Nachfrage des Nordens in der Krise ein ermutigendes Zeichen ist, verschärft sich die endemische Unterbeschäftigung des Südens. Mehr als sechs von zehn Frauen im Süden arbeiten nicht. Millionen haben die Suche nach Arbeit als vergeblich abgebrochen und erscheinen daher nicht mehr in der Statistik, die für ganz Italien mit 8,4 Prozent Arbeitslosigkeit eher harmlos aussieht. Im Süden sind bei den 15-34 Jährigen 40 Prozent als arbeitslos gemeldet, in ganz Italien ist ein junger Mensch unter dreien ohne Job. Viele von ihnen nehmen auch an keiner Ausbildung teil, so dass man erwarten muss, dass hier ein Heer von Unqualifizierten und Unwilligen heranwächst.

Während in Italien 57 Prozent der potentiellen Arbeitskräfte beschäftigt sind, liegt die Beschäftigung der Frauen bei nur 46 Prozent; beide Ziffern liegen weit unter dem EU-Durchschnitt. Obwohl die Zahl der Studienanfänger erneut um 2,2 Prozent gesunken ist, erweisen sich die Frauen als besonders eifrig. Mit 67 Prozent aller Abiturientinnen, die ein Studium beginnen, liegen sie weit über den 56 Prozent der Abiturienten. Auch im Laufe des Studiums haben die Frauen die Nase vorn, und bei längerfristigen Studien erzielen drei Frauen je zwei Männer den Abschluss.

Umso erstaunlicher, dass dann die Hälfte der Frauen aus dem Arbeitsmarkt ausscheidet; ein Luxus, den sich Italien immer weniger leisten kann.

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—— Benedikt Brenner

Update

Neue Ziffern basierend auf Statistiken EUROSTAT zeigen, dass in Italien die Beschäftigung von 15 bis 24-Jährigen zwischen 1991 und 2011 um 32 Prozent gesunken ist, während die der über 64-Jährigen um 43 Prozent zugenommen hat. Praktisch geprochen, sind jetzt 2,8 Millionen weniger junge Italiener beschäftigt.